Vier Mordversuche hat sie bereits überlebt. Doch die Kriegsherren in Afghanistan geben nicht auf und bezeichnen sie als «dead woman walking».

Tages Anzeiger, 29.07.2009

Malalai Joya
«Dead woman walking»: Malalai Joya hat bereits vier Mordattentate überlebt.

Ich weiss nicht, wie viele Tage ich noch am Leben sein werde, sagt Malalai Joya gegenüber der britischen «Independent» und dem «Telegraph». Die zierliche 30-jährige Frau wurde vor vier Jahren als jüngste Vertreterin ins Parlament gewählt. Das stört viele Warlords und Fundamentalisten, denn sie verleiht den Frauen im stark patriarchalisch geprägten Land eine Stimme und ein Gesicht. Bei ihrer Antrittsrede sprach sie dem Land ihr Beileid aus, was sogleich den Zorn vieler Kriegsherren im Parlament auf sie zog. Sie trägt daher in der Öffentlichkeit stets eine Burka und wird von 12 Personenschützern begleitet. Bisher hat Joya bereits vier Mordversuche überlebt.

Weder eine dreijährige Sperre, die ihr vor zwei Jahren von der grossen Mehrheit des afghanischen Parlaments auferlegt wurde, noch Gerichtsverfahren oder die Einschränkung ihrer Reisefreiheit können ihr etwas anhaben. «Ich sage all jenen, die meine Stimme ersticken wollen: Man kann eine Blume kurz schneiden und ausreissen, aber das wird den Frühling nicht aufhalten.»

Kritik auch an Obama

Ihre Kritik richtet sich nicht nur gegen die Kriegsherren, sondern auch gegen die heutige sogenannt demokratische Regierung. «Die Frauen sind heute genauso schlecht gestellt wie damals unter den Taliban.» Ihrer Meinung nach verschwenden ausländische Regierungen nur ihr Geld und ihre Soldaten, wenn sie die afghanische Regierung unterstützen: «Auch die kommende Wahl wird daran nichts ändern. Es wird der alte Esel sein, nur mit einem neuen Sattel.»

Und auch gegenüber US-Präsident Barack Obama ist sie nicht zimperlich: «Die Afghanen haben grosse Hoffnungen in ihn gesetzt, doch bisher agiert er wie George W. Bush. (…) Ich sage daher zu Obama – wechseln Sie Ihre Strategie, ansonsten werden Sie als Bush-Nachfolger in die Geschichte eingehen.»

Lebenshintergrund

Malalai Joya ist die Tochter eines früheren Medizinstudenten, der im Kampf gegen die sowjetische Invasion einen Fuss verlor. Malalai war vier Jahre alt, als sie und ihre Familie 1982 in den Iran und später nach Pakistan flohen. Sie schloss die Schule in Pakistan ab und begann, erst 19 Jahre alt, Kurse für Lesen und Schreiben für andere Frauen zu geben. Nach dem Rückzug der sowjetischen Armee kehrte Joya 1988, während der Herrschaft der Taliban, nach Afghanistan zurück. Während dieser Zeit gründete sie ein Waisenhaus sowie ein Krankenhaus. Sie ist darüber hinaus Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation «Organisation of Promoting Afghan Women's Capabilities» (OPAWC) in den westafghanischen Provinzen Herat und Farah. (Quelle: Wikipedia)

Buch:
Malalai Joya: Ich erhebe meine Stimme. Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan Piper, München Zürich 2009, ISBN 978-3492052771