Malalai Joya: ich werde nicht müde zu wiederholen, daß keine Nation eine andere Nation »befreien« kann.

Von Malalai Joya, Die junge Welt, 26. Februar 2010

Malalai Joya

Aus der Rede von Malalai Joya auf der Demonstration gegen den Afghanistan-Krieg am 20. Februar in Berlin. Die 31jährige Afghanin war Ende 2003 international bekannt geworden, als sie vor der Loya Jirga, der verfassungsgebenden Versammlung in Afghanistan, die Anwesenheit von Warlords und Kriminellen in der Regierung kritisierte. Sie wurde aus der Versammlung entfernt und lebt unter ständiger Bedrohung in Afghanistan. Bei den Parlamentswahlen 2005 errang sie in der Provinz Farah ein Abgeordnetenmandat. 2007 wurde sie wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Regierung Hamid Karsais und der NATO-geführten Besatzung aus dem Parlament ausgeschlossen. Im vergangenen Jahr erschien im Piper-Verlag ihr Buch »Ich erhebe meine Stimme. Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan«.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte euch meinen Dank ausdrücken und alle herzlich grüßen, die heute hier versammelt sind, um ihre Stimme zu erheben gegen den sogenannten »Krieg gegen Terror« in meinem leidgeplagten Afghanistan und gegen die Kriegstreiberei eurer Regierung und die US-geführten NATO-Truppen in meinem Land.

Die USA und ihre Alliierten haben Afghanistan besetzt im Namen des »Krieges gegen den Terror«, aber sie terrorisieren heute selbst die afghanische Bevölkerung. Der »Krieg gegen den Terror« ist nur eine Show, während Afghanistan und die gesamte Region in Wirklichkeit sogar noch mehr zum sicheren Rückzugsgebiet für Terroristen gemacht wurden und nun neue Anstrengungen unternommen werden, um die brutalen Taliban in die Marionetten-Regierung von Hamid Karsai einzubinden.

Die deutsche Regierung unterstützt in meinem Land ein Marionetten-Regime, das aus lauter Feinden der afghanischen Bevölkerung besteht und das in schlimmste Kriegsverbrechen, Drogenhandel und Korruption verwickelt ist.

Die Lage der Menschen im »befreiten« Afghanistan ist heute schlimmer denn je. Um die Frauenrechte ist es so schlecht bestellt wie unter der Herrschaft der Taliban. Die Zahlen von Vergewaltigungen, Entführungen, Säureanschlägen, häuslicher Gewalt und die Morde an Frauen wachsen rapide. Im »Human Development Index« rangiert Afghanistan auf Platz 181 von 182 gelisteten Ländern. Laut Korrup tionsindex ist Afghanistan das zweikorrupteste Land der Welt. Afghanistan ist weltweit führender Produzent von Opium – heute sind es 4400 Prozent mehr als 2001. Und das alles unter den Augen der Truppen der USA und der NATO. Das sind nur ein paar Beispiele für »Freedom and Democracy«, für Freiheit und Demokratie, die meinem Land aufgebürdet wurden. (...)

Ich denke, die Politik der Obama-Administration in Afghanistan unterscheidet sich nicht von der eines George W. Bush, im Gegenteil, sie ist sogar noch gefährlicher und verheerender für mein Land, weil noch mehr Truppen geschickt und dadurch noch mehr unschuldige Menschen getötet werden.

Die USA und die anderen NATO-Staaten haben ihre eigenen strategischen, ökonomischen und geopolitischen Interessen in Afghanistan. Sie wollen das Land in ihre Militärbasis in Asien verwandeln. Dafür spielen sie mit der Würde meines leidenden Volkes und setzen es größeren Gefahren aus.

Liebe Freunde, ich werde nicht müde zu wiederholen, daß keine Nation eine andere Nation »befreien« kann. Deshalb fordern wir Afghanen den Abzug aller ausländischen Truppen aus Afghanistan, weil sie das Leben für uns noch komplizierter und leidvoller machen. Eine Truppenaufstockung, in Afghanistan entspricht nicht dem Willen der afghanischen Bevölkerung, und wir sagen Nein zu noch mehr Truppen!