Malalai Joya erhebt ihre Stimme für die Menschen Afghanistans

Von Farah Lenser, einseitig.info, 01.10.2009

German version of Malalai Joya's book

Eine Filmszene, die mir nicht aus dem Kopf geht: Ein alter Mann mit langen weißen Haaren und Bart, eingehüllt in weiße Tücher und gestützt auf seinem Stock betritt das Büro Malalai Joyas: „Ich habe gehört, dass Du eine weise Frau bist!“ eröffnet er seine Rede. In unserem Dorf wollen Dich viele wählen.“ „Wie viele?“ fragt Malalai. Der alte Mann überlegt: „Ungefähr 130, nein 135 wollen Dich wählen. Du musst wissen, die Kandidaten kommen ins Dorf und kaufen Stimmen, sie bieten jedem Geld, der sie wählt. Aber wir werden Dich wählen, ich wähle Dich auch“, sagt er, verabschiedet sich und läuft auf der staubigen Straße langsam zurück in sein Dorf.

Feinde des Glücks

Wie denn das auf sie wirke, frage ich Malalai Joya, ein alter Mann, der sich auf den weiten Weg zu ihr aufmache, um ihr sein Vertrauen auszudrücken?

„Ich muss sagen, dass mir oft die Worte fehlen, um all diesen Menschen meinen Dank auszudrücken, alte und junge Menschen unterstützen mich, nicht nur mich als Person, sondern sie unterstützen die Wahrheit und die Hoffnung, die zur Zeit noch ein Traum zu sein scheint, dass eines Tages alle Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden, dass sie vor einem Internationalen Gerichtshof Rechenschaft ablegen müssen und die Wahrheit ans Licht kommt. Kein Film, kein Buch kann die Tragödie des afghanischen Volkes beschreiben, das ungeheure Leid der Frauen, Männer und Kinder, die seit Jahrzehnten im Krieg leben. Aber der Film „Enemies of Happiness“ gibt einen Eindruck von der starken Solidarität dieser Menschen, die endlich Gerechtigkeit wollen.“

In dem Film sehen wir auch eine alte Frau, die Stunden über staubige Straßen gelaufen ist, um zum ersten Mal ihre Stimme bei der Wahl zum afghanischen Parlament abzugeben. Auch sie besucht ihre Kandidatin und überreicht ihr ein Geschenk, eine Heilpflanze aus den Bergen. Sofort habe sie sich auf den Weg gemacht, als sie von Malalai gehört habe: „Keine Sekunde habe ich gezögert“, versichert sie und erzählt, dass sie hundert Jahre alt sei und schon gegen die sowjetischen Besatzer gekämpft habe. Sie legt sich flach auf den Bauch, um zu demonstrieren, wie sie damals während der sowjetischen Okkupation auf dem Boden entlang robbte, um Minen zu verlegen. Dann steht sie mühsam wieder auf und weint. „Nein“, sagt Malalai zu ihr, „du darfst nicht weinen, du kannst stolz sein, es gibt nur wenige wie dich!“

Afghanistan – das ist eine fremde Welt, die wir mit europäischen Augen sehen und mit Militäreinsätzen befrieden wollen. Eine fremde Welt und doch sind uns die Gefühle der Menschen

vertraut, wir kennen nur nicht die Umstände, die diese Gefühle hervorrufen.

Warum sitzen Kriminelle hier in der Nationalversammlung?

Malalai Joya, die Frau, die alle sehen wollen, war noch keine dreißig Jahre alt, als sie sich 2005 für das afghanische Parlament zur Wahl stellte, doch schon damals eine bekannte Persönlichkeit.

Denn zwei Jahre zuvor war sie bereits als Delegierte in die konstituierende Nationalversammlung, der Loya Jirga, entsandt worden und forderte Rederecht für die jüngere Generation. Drei Minuten wurden ihr bewilligt und diese Zeit nutzte sie, um vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Bestrafung der „Warlords“ zu fordern: „Warum sitzen Kriminelle hier in der Nationalversammlung, warum werden sie nicht für ihre Verbrechen vor ein nationales und internationales Gericht gestellt?“ Ihr wurde zuerst applaudiert, aber dann erhob sich lautstarker Protest aus den ersten Reihen, ihr wurde das Wort entzogen und man warf sie hinaus.

Seitdem hat sich ihr Leben drastisch verändert, sie wurde mit dem Tod und Vergewaltigung bedroht, hat bisher vier Mordanschläge überlebt und ohne Burka, die sie komplett verhüllt und ihr als Schutz dient, könnte sie sich außerhalb des Hauses, nicht bewegen. „Ist es nicht absurd“, fragt sie, dass ich eine Burka tragen muss, wo ich doch Frauen aufgefordert habe diese abzulegen?“

Wahlen in Afghanistan

Als das Filmteam aus Europa anreiste und es ihnen auf verschlungenen Wegen gelang, Malalai Joya in Kabul zu treffen und sie gerade das erste Interview aufnehmen, nähert sich ein Mann und flüstert Malalai etwas ins Ohr. „Wir müssen uns beeilen“, spricht sie daraufhin in die laufende Kamera, „ich muss dieses Haus verlassen, man hat herausgefunden, das ich hier Unterschlupf gefunden habe.

Es sind die letzten vierzehn Tage vor den anstehenden Wahlen in Afghanistan, Malalai Joya ist eine der Kandidatinnen in der westlich gelegenen Provinz Farah. Ständig ist sie von Leibwächtern umgeben, auch wenn sie in die Dörfer geht, um mit den Frauen und Männern zu sprechen. „Ich sage nicht, dass Ihr mich wählen sollt, aber wählt solche Kandidaten, die kein Blut an ihren Händen haben!“ Nicht überall kann sie hingehen, manche Bezirke sind so unsicher, das ihre Wahlhelfer alleine mit dem Auto losfahren und – mit einem Megafon verstärkt – ihre Rede von einer Kassette abspielen, die sie vorher besprochen hat: „Im Namen Gottes, liebe Landsleute, ich teile Eure Trauer und Eure Gedanken und hoffe, dass der Schatten der Waffen, der über unserem Land liegt,  eines Tages verschwunden sein wird und mit ihm auch diejenigen, die Demokratie, Frauenrechte und Menschenrechte verachten. Das Parlament ist ein wichtiges Fundament unserer Demokratie. Deshalb passt gut auf, wen Ihr wählt!“

Eine andere Filmszene: Internationale Helfer erklären den Kandidaten das Procedere der Wahl: wie ein Wahlzettel aussieht, dass dort alle Kandidaten namentlich aufgelistet sind, jedem Kandidaten aber auch eine Nummer und ein Symbol zugeordnet ist – für die, die nicht lesen und schreiben können.  Als der internationale Vertreter erklärt, dass die Männer für ein paar Stunden die Kinder beaufsichtigen sollten, damit die Frauen zur Wahl gehen könnten, kommt es zum Tumult. Kein afghanischer Mann würde seine Frau alleine aus dem Haus gehen lassen, damit sie in einem vier Kilometer entfernt gelegenen Wahllokal ihre Stimme abgeben könne.

Malalai Joya
Afghanistan - ein fremdes Land, in dem deutsche Soldaten stehen. Just wurde ein Präsident gewählt, doch niemand weiß, von wem er gewählt wurde. Malalai Joya ist die jüngste Parlamentarierin Afghanistans, doch im Parlament darf sie nicht mehr sprechen!

Als die fast hundert Jahre alte Frau an dem ersehntem Tag der Wahl zusammen mit Malalai die kleine Schule betritt, in dem das Wahllokal untergebracht ist, schimpft sie: „Ihr müsst die Waffen einsammeln, es ist zu unsicher draußen auf den Straßen, wie sollen die Menschen da zur Wahl gehen können.“

Jüngste Abgeordnete im Parlament

Doch trotz alledem, schließlich wurde verkündet, dass Malalai Joya die Wahl in ihrem Bezirk gewonnen hat und als jüngste Abgeordnete ins Parlament einziehen würde.

Lange sollte sie dort allerdings nicht bleiben, denn sie konnte nicht „diplomatisch“ ihren Mund halten, wie einige Abgeordnete ihr raten, sondern forderte unermüdlich, dass die „Kriegsbarone“, die heutzutage zum größten Teil im Parlament sitzen, für ihre Verbrechen vor einen Internationalen Gerichtshof gestellt werden. Sie ist nicht allein mit diesen Forderungen,

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch fordern ebenfalls, dass namentlich genannte Kriegsverbrecher, die im Parlament und sogar in der Regierung sitzen zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Malalai Joya wurde im Parlament bedroht, sogar geschlagen und schließlich für die restlichen drei Jahre der Legislaturperiode aus dem Parlament ausgeschlossen. Eindeutig ein illegaler Akt, wogegen sie inzwischen – nachdem sie endlich einen Anwalt fand, der es wagte, sie zu vertreten – Anklage erhoben hat.

Woher nehme sie eigentlich den Mut, ihre Vorwürfe gegen die Kriegsfürsten zu wiederholen, will ich wissen. Schließlich werde sie mit dem Tod bedroht und dass dies keine leere Drohung ist, beweist die Ermordung der afghanischen Frauenbeauftragten, Safia Hama Dschan, die im Jahre 2006 vor ihrem Haus erschossen wurde.

„Als Angehörige der Kriegsgeneration meines Landes fühle ich die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und darüber aufzuklären, wer die wahren Feinde meines Landes sind, nämlich die, welche die Rechte der Frauen und die Menschenrechte generell missachten. Unglücklicherweise kamen nach den tragischen Ereignissen des 11. Septembers die Kriegsherren der Nordallianz wieder an die Macht. Das Gerede dieser Leute über Demokratie, Frauen- und Menschenrechte sind bloße Lippenbekenntnisse. Wir glauben ihnen nicht!

Unterstützung durch die Internationale Zivilgesellschaft

Meine Energie, mein Mut ist in der Geschichte meines Landes begründet und wird genährt von der Unterstützung meiner Landsleute; die meisten von ihnen sind sehr arm. Sie haben mich nicht allein gelassen nach meiner Rede in der Loya Jirga 2003, die mein Leben komplett umgedreht hat. Jeden Tag aufs Neue geben sie mir Hoffnung und machen mir Mut, nicht zu schweigen und ich bekomme auch viel Unterstützung von Menschen aus dem Ausland, die sich der Freiheit verpflichtet fühlen. Die Reaktion der Internationalen Gemeinschaft gibt mir die Entschlossenheit, nicht eher zu ruhen, bis die Fundamentalisten und Kriminellen gerichtlich belangt werden und wirkliche Demokratie in unserem Lande herrscht. Auch dass ich jetzt hier nach Berlin kommen konnte, um für die Menschen in Afghanistan den Menschenrechtspreis der Initiative „Cinema for Peace“ entgegen zu nehmen, ist eine Bestärkung meines Kampfes für Gerechtigkeit und Demokratie in Afghanistan“.

Diese Auszeichnung, die ihr im Februar 2008 verliehen wurde, ist nur eine in einer langen Reihe von Ehrungen: Für ihre mutige Rede in der Loya Jirga bekam sie schon im Januar 2004 von der „Cultural Union of Afghans in Europe“  den „Malalai of Maiwand-Preis“ verliehen, der an die berühmte Heldin Malalai erinnert, die 1880 im Kampf ihres Volkes gegen die Britische Invasion in der so genannten Maiwand Schlacht mit ihren Gedichten und Gesängen den Männern Mut machte und sich schließlich selbst den „Tschadar“ vom Kopfe riss, wie eine Fahne schwenkte und sich der britischen Armee entgegen stellte. Seitdem wird Malai Maiwandi von allen Stämmen und Völkern Afghanistans verehrt und gilt als Inkarnation des Heldenmuts und als Inbegriff des Zusammenhalts eines Volkes. Ob ihre Eltern wohl bei der Namensgebung ihrer Tochter an diese berühmte Heldin Afghanistans erinnern wollten?

„Ja“, bekräftigt sie meine Vermutung, gerade gestern bei einer Vortragsreise – von der Abgeordneten des Bundestages Heike Hänsel organisiert - habe sie ein afghanisches Mädchen mit dem gleichen Namen getroffen: „Viele Familien in Afghanistan sind stolz auf ihre Nationalheldin, auch meine Eltern haben sie verehrt und gaben mir deshalb ihren Namen. Junge Mädchen wollen ihrem Vorbild nacheifern und ebenfalls für die Freiheit eintreten. Solange ich lebe, wünsche ich mir, eine ihrer besten Schülerinnen zu sein.“

Wenn wir uns die lange Liste ihrer Auszeichnungen ansehen, ist dieser Wunsch längst in Erfüllung gegangen: Sie ist nicht nur unter den 1000 Frauen, die für den Friedensnobelpreis 2005 nominiert wurden, sondern gehört auch zu den „250 Young Global Leaders for 2007" des „World Economic Forums“. Im Dezember 2006 wurde sie mit dem „International Women of the Year“ Preis der Provinz Valle d'Aosta in Italien ausgezeichnet. Im März 2006 wurde sie von Tom Bates, dem  Bürgermeister von Berkeley mit dem „Ehrenzertifikat für ihr fortgesetztes Engagement für Menschenrechte“ geehrt und im gleichen Jahr im August erhielt sie den „Gwangju-Preis für Menschenrechte der 18. Mai-Stiftung“ in Südkorea. Im Juli 2007 bekam sie den Golden Fleur-de-Lis (Giglio d'Oro) Preis des Stadtrates der Region Toskana in Italien und nach unserem Treffen in Berlin wurde ihr im Oktober 2008 der „Reach All Women in War (RAW) Anna Politkovskaya Award“ in London überreicht, der an die russische Journalistin erinnert, die 2006 ermordet wurde, nachdem sie immer wieder über die Grausamkeiten gegenüber zivilen Opfern in Tschetschenien berichtet hatte.

Bei der Übergabe des Preises an Malalai Joya erklärten Shirin Ebadi, Jody Williams, Wangari Maathai, Rigoberta Menchu, Betty Williams und Mairead Maguire – alle Trägerinnen des Friedensnobelpreises – ihre Unterstützung für die Vergabe des Preises an Malalai Joya, würdigten deren mutigen Einsatz für die Rechte des afghanischen Volkes und forderten ihre sofortige Rückkehr ins afghanische Parlament.

Ein Leben lang im Krieg

Doch wer ist diese junge Frau, die von der Solidarität so vieler Menschen in ihrem Heimatland getragen wird, obwohl sie die „Mächtigen“ im Staate gegen sich hat und deren Engagement so viele Menschen auf der ganzen Welt bewundern.

Als Malalai Joya geboren wurde, begann die sowjetische Besatzung ihres Landes, ihre Eltern verließen mit ihr das Land und über 20 Jahre lang war die Familie auf der Flucht, lebte zeitweise in Flüchtlingslagern an der afghanischen Grenze in Pakistan und dem Iran, die damals von Journalisten als „lebendige Friedhöfe“ bezeichnet wurden. „Ich war noch sehr jung, als ich anfing, dort andere Frauen und Kinder zu unterrichten. Tagsüber besuchte ich die Schule und abends gab ich selbst Unterricht. Die Zustände in diesen Zeltlagern waren katastrophal, und meine Eltern waren sehr besorgt um mein Leben, aber letztendlich haben sie mich unterstützt, weil sie sahen, dass ich glücklich war, meinen Landsleuten helfen zu können.“

1998 kehrte sie mit ihrer Familie nach Afghanistan zurück und engagierte sich im Rahmen der  Nichtregierungsorganisation OPAW (Organization of Promoting Afghan Women's Capabilities), die sich besonders für afghanische Frauen und Kinder einsetzt.

„Wir wissen, dass Frauen und Kinder am meisten unter dem Krieg zu leiden haben und wollen deshalb die Fähigkeiten der Frauen unterstützen. Als Aktivistin für Frauenrechte bin ich der Überzeugung, dass sich die Situation unseres Landes sehr schnell verbessern würde, wenn wir nur Frauen und Kinder mehr förderten. Diese Art von Projekten bekommen von der Regierung kein Geld, sondern können nur mit  Hilfe von privaten Spenden ihre Arbeit fortsetzen. Diese kommen von Unterstützern aus dem Ausland, aber auch aus Afghanistan selbst. So haben mir zum Beispiel Landsleute - nach meiner Ansprache in der Loya Jirga - Teile ihres Landbesitzes übereignet. Auch das Preisgeld von 5000 Euro, das ich von „Cinema for Peace“ erhalten habe, wird in diese Projekte für Frauen und Kinder gehen. Ich behalte davon keinen Dollar für mich.“

Die OPAW unterstützt mittellose Frauen bei dem Aufbau einer Erwerbsquelle, unterhält mehrere medizinische  Teams, die die Menschen bei gesundheitlichen Problemen versorgen und hat in der Provinz Farah sogar ein Gesundheitszentrum und ein Waisenhaus eröffnet. Sehr wichtig ist auch der Schwerpunkt der Erziehung, denn das Schulsystem war unter der Taliban Herrschaft für Mädchen total zusammengebrochen und auch für Jungen nur rudimentär vorhanden.

„Es erscheint mir wie ein Tagtraum“, meint Malalai Joya, „dass eines Tages die junge Generation überall im Lande Computerkurse belegen könnte. Ich glaube fest daran: Wenn mehr Menschen in Afghanistan Zugang zu freier Bildung hätten, dann würde sich die Situation in unserem Lande sehr schnell verbessern und die Fundamentalisten könnten nicht weiter ungestraft ihren kriminellen  Geschäften nachgehen. Auf meiner Webseite können Sie sehen, dass Frauen trotz der katastrophalen Sicherheitslage öffentlich demonstrieren, um für ihre Rechte zu kämpfen. All diese Frauen können kaum lesen und schreiben. Stellen Sie sich vor, welch wichtige Rolle sie in unserer Gesellschaft spielen könnten, wenn sie Zugang zu Bildung hätten! Ich glaube, Frauenrechte und Menschenrechte müssen wir uns erkämpfen, sie werden uns nicht geschenkt. Denn was man uns heute gibt, kann man uns morgen wieder nehmen! Wir gebildeten Frauen tragen eine große Verantwortung, uns gegenseitig als Frauen zu unterstützen und Menschenrechte in unserem Lande zu verwirklichen. Deshalb arbeite ich für diese Organisation mit und bin glücklich, dass auch sie mich unterstützt.“

„Eine Frau zu töten bedeutet nicht mehr, als einen Vogel zu töten“

Die Situation der Frauen und Kinder in Afghanistan ist katastrophal, täglich gibt es Übergriffe auf Frauen, sie werden vergewaltigt und getötet. „Eine Frau zu töten bedeutet nicht mehr, als einen Vogel zu töten“, sagt Malalai Joya. „Die Menschen sind so arm, dass manche Frauen ihre Babies für 10 Dollar verkaufen“. Andere Frauen verbrennen sich selbst, weil sie keinen Ausweg mehr aus ihrer verzweifelten Situation wissen. In dem Film „Enemies of Happiness“ gibt es eine Szene, wo ein junges Mädchen Malalai aufsucht, um ihre Hilfe zu erbitten: Ein Mann, der bereits zwei Frauen und viele Kinder hat und ihr Großvater sein könnte, verfolgt sie und will sie unbedingt heiraten. Ihre eigenen Eltern sind zwar gegen diese Heirat, aber jener Mann vertritt den Standpunkt, da er dem Bruder des Mädchens seine Tochter zur Ehefrau gab, ohne dafür ein Brautgeld erhalten zu haben, müsse die kleine Schwester nun ihm gehören. Die Eltern glauben, sie solle ihm bei der Abwicklung seiner Drogengeschäfte helfen, weil sie lesen und schreiben könne, denn er selbst sei Analphabet. Malalai schlägt vor, zusammen zur Polizei zu gehen. Dort stellt man fest, auch nach den Gesetzen der Scharia könne niemand das Mädchen zwingen, gegen ihren Willen zu heiraten.

Es gibt sogar – vor laufender Kamera - ein Gespräch des Mannes mit Malalai Joya, in dem dieser erklärt, er müsse das Mädchen zur Frau bekommen, so seien eben die Stammesgesetze in Afghanistan. Er würde ja schon von seinen Brüdern und Nachbarn verlacht, es gebe da keinen Ausweg. Aber er könne doch von sich aus auf das Mädchen verzichten, insistiert Malali Joya, außerdem billigten die islamischen Gesetze dem Mädchen zu, einer Heirat zu widersprechen. Er bleibt stur und auf den weiteren Einwand Malalais, dass das Mädchen gedroht habe, sich zu verbrennen, falls er sie zwinge ihn zu heiraten, antwortet er lakonisch: „Dann zahle ich eben eine Kompensation!“

Das Land gehört in Wahrheit den Drogenbaronen

Die Polizei, die ihn zu verhaften sucht, kann nichts ausrichten, außerhalb von Kabul sind die afghanischen Behörden kaum handlungsfähig. Afghanistan ist der weltgrößte Produzent von Opium, 95% des Heroins, dass in den Straßen von New York, Mailand und Berlin verkauft wird, stammt aus Afghanistan. Das Land gehört in Wahrheit den Drogenbaronen, während die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung bitterarm ist. Letzten Winter, berichtet Malalai, seien über tausend Menschen wegen der großen Kälte gestorben. Die finanziellen Unterstützungen der Internationalen Gemeinschaft scheinen in dunklen Kanälen zu verschwinden. „All das geschieht unter den Augen der ausländischen Militärs, unsere Landsleute fühlen sich sich zwischen den Terroristen der Taliban und den Terroristen der Nordallianz aufgerieben, die beide von den USA zu verschiedenen Zeiten protegiert und finanziert wurden, wenn es gerade in deren strategische Interessen hinein passte. Jetzt behauptet das US Militär den Terror bekämpfen zu wollen, allerdings wird bei den Bombardements in der Regel die Zivilbevölkerung getroffen. Die Menschen fragen sich, warum nicht stattdessen die demokratisch gesinnten Kräfte im Land unterstützt werden und empfinden die ausländischen Truppen nicht als Schutz, sondern nur noch als Besatzung.“

Wie könnte denn eine Lösung aussehen, frage ich. „Würde es nicht sofort zu einem Bürgerkrieg kommen, wenn die militärischen Truppen abzögen?“

„Ja, wahrscheinlich hätte der alleinige Abzug der Truppen einen Bürgerkrieg zur Folge“, antwortet sie. „Deshalb ist es so wichtig, zuallererst die demokratisch gesinnten Menschen zu unterstützen! Außerdem muss der Nachschub der Waffen aus den angrenzenden Ländern wie Pakistan und Iran,  welche die Taliban unterstützen, gestoppt werden, und gleichzeitig müssen auch die Fundamentalisten der Nordallianz entwaffnet werden. Zusammen mit diesen Maßnahmen ist ein gleichzeitiger Rückzug der Truppen möglich. Ich kann nur immer wiederholen: Der einzig gangbare Weg ist die Unterstützung der demokratisch gesinnten Kräfte, die Förderung der Fähigkeiten der Frauen, die Ausbildung aller Kinder. Ich träume von einem Afghanistan, in dem alle Kinder zur Schule gehen, ohne Angst haben zu müssen, entführt zu werden, ich träume von einem Afghanistan mit einer wirklich demokratischen Regierung, die nicht korrumpierbar ist, ich träume von einem Land, in dem Gerechtigkeit und Sicherheit herrscht und in dem Frauenrechte und Menschenrechte verwirklicht sind. Ich träume davon, dass alle, die Verbrechen begangen haben, keine Macht mehr in unserem Lande haben und vor Gericht gestellt werden.

Für diese Mission arbeite ich und riskiere mein Leben. Ich bin glücklich, dass ich mit meinem Kampf nicht alleine dastehe. Wie sagte Bertold Brecht: Wer kämpft, mag verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Und sie fügt noch hinzu: „Wo ein wenig Licht ist, wird es schließlich auch hell werden. Eines Tages werden wir siegen!“

Einseitig.info empfiehlt: Malalai Joya „Ich erhebe meine Stimme: Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan